Hin und wieder kann es vorkommen, dass mir Arten begegnen, die mir völlig fremd sind. Im Regnum plantae ist dies eher unwahrscheinlich aber niemals ausgeschlossen. Heute war zum Beispiel so ein Tag. So hörte ich heuer erstmalig von Campylopus introflexus oder auch Kaktusmoos genannt. Dieses, aus den kalten bis gemäßigten Breiten der Südhalbkugel stammende Laubmoos ist in Deutschland ein Neophyt und auf dem Vormarsch. Schaut man sich die unten abgebildete Karte an, so sind die schwarzen Flächen das ursprüngliche Verbreitungsgebiet, Rot zeigt hingegen die Areale, in denen diese Art bereits eingewandert ist.

Quelle :„Verdensudbredelse“ von Jonas Klinck

Quelle :„Verdensudbredelse“ von Jonas Klinck

Markantes Merkmal, wahrscheinlich auch verantwortlich für den deutschen Namen, sind die abstehenden Glashaare. Bei genauerer Betrachtung sehen diese in der Tat aus wie die Stacheln von Kakteen.

Campylopus introflexus

Campylopus introflexus

Ursprünglich ein Bewohner von meeresnahen Gebieten nimmt Campylopus introflexus in Nordamerika sowie Europa die Rolle eines Pionier- oder Erstbesiedlers ein. Das bedeutet, dass vornehmlich Störstellen oder Offenboden als Lebensraum dienen. Bevorzugt werden trockene und saure Böden. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Umfeld naturnah oder durch den Menschen geprägt ist. In der Landschaft sticht es schon auf den ersten Blick ins Auge.

Bulte von Campylopus introflexus

Bulte von Campylopus introflexus

Wie (fast) jeder Neophyt der etwas auf sich hält, hat auch das Kaktusmoos ein farbenfrohes Auftreten. Es wächst in hohen, hell- bis olivgrünen Matten und bildet dichte Bestände. Wie aber ist die invasive Situation? In Österreich gilt es als äußerst problematisch und die dortigen Kollegen rechnen in den nächsten Jahren mit einer deutlichen Ausbreitung. Ähnlich sieht es in den Niederlanden und Belgien aus. Dort gilt diese Art als Bedrohung für heimische Moose und Flechten und trägt den Spitznamen „tankmoos“, da es sich im Zweiten Weltkrieg durch Panzer sehr stark ausgebreitet haben soll. In Deutschland ist es sogar als invasiv eingestuft und sorgt besonders auf den Ostfriesischen Inseln für Furore. Dort dringt es äußerst aggressiv in die moosreichen Sandtrockenrasen der Graudünen ein. In Braundünen sind Bestände von Krähenbeeren- und Besenginsterheiden betroffen (an dieser Stelle übergehen wir die Diskussion, ob Besenginsterheiden richtige Heiden sind) in dem das Kaktusmoos sich in lückigen Bereichen einnistet.  Stellenweise werden diese Moosdecken bis zu 10 cm hoch. Auf dem obigen Bild erkennt man sogar die Ausbildung von Trockenrissen. Silbergrasfluren, die inzwischen stark besiedelt sind, tragen mittlerweile den Namen  Campylopus introflexus-Gesellschaft und haben somit ihre eigene pflanzensoziologische Klassifizierung erhalten.