wp_20161020_18_19_21_richGestern Abend lud die NATUC der TU Chemnitz zum Auftakt der diesjährigen Ökosozialen Ringvorlesung ein. Den Anfang machte Stefan Johnigk (Geniessenschaft.de) und legte die Messlatte vor Vorträge in meinen Augen ein ganzes Stück nach oben. Nur mit einem Stück Kreide bewaffnet, führte er in zwei Stunden durch das Thema „Ist vegane Landwirtschaft möglich?“ Der Gedanke sieht auf den ersten Blick verlockend aus und verheißt uns eine etwas bessere Welt. So führte Johnigk zwei Beispiele an, die zum Nachdenken anregen. Erstes Beispiel ist der Schlachthof Rothkötter an der A7.

Diese geht bekanntlich einmal durch die ganze Republik, von Dänemark bis an den Bodensee. Nimmt man die bei Rothkötter pro Woche geschlachteten Hühner, bilden sie eine lückenlose Reihe über die gesamte Länge der Autobahn 7. Von Bregenz bis zur dänischen Grenze. Nimmt man die geschlachteten Tiere eines Jahres, so wäre die A7 komplett ausgefüllt. Das zweite Beispiel ist noch etwas krasser. Jeder von euch kennt den Ironman (Sport). Er gilt gemeinhin als Höhepunkt der Karriere eines Athleten. Nur Ausnahmetalente laufen ihn zwei- oder dreimal. Kurzer Sprung, eine klassische Milchkuh muss für 1 Liter Milch ca. 500 Liter Blut durch den Körper pumpen. 30-40 Liter Milch gilt als tägliche Norm. Zurück zum Ironman. Die Herzleistung eines Athleten, der den gesamten Triathlon läuft, entspricht der Herzleistung einer einzelnen Milchkuh pro Tag um auf die Sollmenge zu kommen.

HighlandCattle

Vor diesen Hintergründen scheint eine (bio)vegane Landwirtschaft die Lösung zu sein. Nein, ist sie nicht und ich sage euch warum. Würden Tiere komplett aus der Landwirtschaft verschwinden, hätte das ungeahnte negative Folgen für die Biodiversität. Tiere dienen in vielen Bereichen des Naturschutzes als Landschaftspfleger und einige Lebensräume sind nur entstanden weil sie seit ewigen Zeiten beweidet werden. Des Weiteren wären Bestäuberleistungen nicht mehr gegeben und Obstbauern müssten manuell bestäuben. Ebenfalls ist eine vegane Landwirtschaft nicht an allen Orten möglich. Bayer bspw. fällt aufgrund seiner Geographie raus. Hochlandvieh wurde ja nicht grundlos gezüchtet. Auch im Erzgebirge wäre ein großflächiger Getreideanbau nicht möglich. Anderes Beispiel: Fällt dem Bauern die Viehnutzung weg, so wird geschaut, wie man anderweitig Ertrag einfahren kann. In den meisten Fällen wird Biomasse für Biogasanlagen angebaut. Dazu wird das ehemalige Weideland umgebrochen und aus einer blühenden Wiese wird ein trister Acker. Damit geht ein wichtiger CO2-Speicher verloren. Gräser/Kräuter speichern CO2. Und das nicht zu knapp. Laut Johnigk ist vegane Landwirtschaft als Ersatz nicht geeignet, wohl aber als Ergänzung. Seinen Ausführungen zu Folge braucht es dafür aber:

  • standardisierte Maßstäbe zur einheitlichen Verifizierung.
  • ethnische Debatte; Welche Nutzung welcher Tiere ist erlaubt?
  • Gerechtigkeit; keiner sollte unter ungleicher Nahrungsverfügbarkeit leiden (Ähnlich wie in Schweden).

Gerade bei Punkt 3 sehe ich die größten Probleme. Was ist eure Meinung dazu? Vielleicht ist unter den Lesern ein eben solcher Experte wie Stefan und kann etwas zur Diskussion beitragen.