Die vergangene Woche verbachte ich im Harz. Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge hat neben einer wunderbaren Landschaft auch 222 reguläre Stempelstellen der Harzer Wandernadel zu bieten. Wer alle in einem eigens dafür gemachten Stempelheft gesammelt hat, darf sich am Ende Harzer Wanderkaiser oder Wanderkaiserin nennen. Den Weg dahin versüßen Wanderabzeichen, die es in fairen aber fordernden Abständen an. Mein Weg zu dem begehrten Titel führte mich also in den westlichen Teil des Harzes nach Clausthal-Zellerfeld. Hier ist der Harz etwas rauer und schroffer als in der mir bekannten Region im Osten.

Bevor ich aber in Clausthal-Zellerfeld mein Basislager errichtete, stand der Wurmberg an der ehemaligen innerdeutschen Grenze auf dem Programm. Diese Station bot sich ja förmlich an, liegt sie doch auf dem Weg. Ausgangspunkt der ersten Stempeltour war die malerische Stadt Braunlage, welche direkt am Wurmberg auf die mitunter zahlreichen Touristen wartete. Der geneigte Besucher kann sich auch mittels Seilbahn auf den 971 m hohen Gipfel fahren lassen, für mich schied diese Option allerdings aus.

Auf dem Weg nach oben lohnt ein Schlenker, um eine weitere Stemeplstelle abzufassen. Die Nummer 18 befindet sich direkt auf dem Grenzweg, der den Verlauf der ehemaligen Grenze zwischen beiden deutschen Staaten DDR und BRD markierte. Wo einst Grenzsoldaten über das Wohl des Sozialismus wachten, wandern heute zahlreiche Touris und Naturfreunde und genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit.

Der Grenzweg am Kaffeehorst markiert die 18. Station der Harzer Wandernadel.

Mit dem Kaffeehorst wanderte der erste Stempel des Tages und der gesamten Tour in das Heft und war ob der geschichtsträchtigen Atmosphäre ein gelungener Auftakt. Der Rastplatz am Kaffehorst (735 m) liegt direkt in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze oberhalb der Bremke. Die Bremke ist 4,7 km lang und überwindet 290 m Gefälle bis zur Mündung in die Warme Bode. Sie markierte auf ihren gesamten Verlauf ehemals die Grenze zur DDR und heute markiert sie die Grenze zu Sachsen-Anhalt. In den ersten Nachkriegsjahren war dieser Weg auch als Schnapsweg bekannt. Schierker Feuerstein wurde nach Braunlage geschmuggelt und im Gegenzug Heringe nach Schierke. Nach der Wiedervereinigung und dem Abriss des hier stehenden Wachturms wurde 1995 auf Initiative des Harzklubs dieser Rastplatz für Wanderer geschaffen.

Die Stempelstelle #18 befindet sich direkt an der ehemaligen Grenze von DDR und BRD.

Das eigentliche Ziel mit dem zweiten Stempel des Tages, der Wurmberg mit dem weithin sichtbaren Turm, ist nur ca. 1,5 km entfernt und ohne große Mühen zu erreichen. Wenn man die zu überwindenden 240 Höhenmeter nicht als große Mühen ansieht. Der Weg führt größtenteils über ausgelatschte Betonplatten die allem Anschein nach für Fahrzeuge der ehemaligen Grenztruppen gemacht wurden. Besonders eindrucksvoll fand ich den plötzlich hinter einer Biegung auftauchenden Anstieg, welcher mich an eine Wanderung im Böhmerwald erinnerte.

Die zu überwindenden ca. 240 Höhenmeter zum Gipfel des Wurmbergs tauchen unverhofft hinter einer Biegung auf.

Es nützt aber nichts, der Weg ist das Ziel und daher ging es frohen Mutes weiter. Schritt für Schritt dem Gipfel und dem Stempel entgegen. Kurz vor dem Endspurt passiert man die ehemalige Skisprungschanze, deren Turm die Zeiten überdauert hat, als Information und Aussichtspunkt dient und als markantes Wahrzeichen weithin sichtbar ist. Über die Treppenstufen, die einst die Athleten auf den Absprungbalken brachten, geht es nun für die Wanderer nach oben. Mit jeder erklommenen Stufe, schält sich der 1141m hohe Brocken aus den umliegenden Bäumen hervor und bietet einen eher trostloses Anblick. Durch das anhaltende Baumsterben, ist der Brockenurwald arg in Mitleidenschaft geraten und bietet ein Bild von Tod und Elend.

Die ehemalige Wurmbergschanze ist der letzte Anstieg, bevor man den Gipfel erreicht.

Das Baumsterben im Harz wird immer deutlicher sichtbar.

Dann aber ist es soweit und ich bin oben. Das Wetter ist schon typisch „harzig“ und ich ziehe lieber eine Jacke an. Nach dem Abstempeln der Station #156 und einer kurzen Rast in der Wurmbergbaude, geht es für mich wieder bergab. Nicht aber ohne einen weiteren Blick auf den Brocken und seinen toten Wald zu werfen. Da der Wurmberg außerhalb des Nationalparks und nur 13 km Luftlinie entfernt vom Brocken liegt, hat man an dieser Stelle einen überaus guten Überblick auf das Umland und kann sich ein Bild der anbahnenden Katastrophe machen. Hier zeigt sich einmal mehr, wie der Klimawandel bereits am Wirken ist.

Auf dem Gipfel wurde 1922 die Wurmbergschanze errichtet, deren 30 m hoher Anlaufturm auch eine Aussichtplattform enthielt. In 1950 wurde neben der Schanze eine Baude errichtet, die heutige Wurmbergalm. Die Skisprungschanze wurde 2014 wegen Bauschäden abgerissen.

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