In der dritten Ausgabe der Reihe „Bitte wer?“, in der ich euch Botanikerinnen, Botaniker, Naturforscher und Naturforscherinnen aus der zweiten Reihe der Geschichte vorstelle, ist nun endlich mal eine Dame zu Gast. Angesichts der damaligen gesellschaftlichen Situation finde ich die Leistungen der Frauen dieser Zeit noch etwas beeindruckender als die der männlichen Zunftgenossen. Im Zuge der Recherche für diese Beitragsreihe bin ich auf ein Buch gestoßen, welches sich explizit mit den Damen befasst, deren Lebenselixier das Entdecken und Forschen war. Den Anfang von ihnen macht Amalie Dietrich aus Sachsen.

Aufgewachsen ist die spätere Australien- und Naturforscherin unter ärmsten Verhältnissen in einer Beutelmacher-Familie in Sachsen. Sie erhielt eine dürftige Volksschulbildung (keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit) und musste anschließend ihrem Vater in der Beutlerwerkstatt helfen (eine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit). Mit 25 Jahren, nämlich 1826, heiratete sie den Apotheker und Botaniker Wilhelm Dietrich und lernte von ihm die Grundlagen derjenigen Wissenschaft, die später ihr Leben maßgeblich prägen sollte. Der Botanik. Er lehrte sie, wie man Pflanzen sammelt, bestimmt und präpariert und wie man Herbarien anlegt. Später bildete sie sich autodidaktisch fort. Gerade das Anlegen und Pflegen eines Herbariums sollte besonders in der heutigen Zeit wieder in den Schulen gelehrt werden. Man muss es ja nicht seltenen oder gefährdeten Pflanzen füllen.

Kurz nach der Eheschließung hatte Wilhelm Dietrich seine Stellung als Apotheker an den sprichwörtlichen Nagel gehängt und versuchte sich im Handel mit botanischen Artikeln. Damals wie heute hielt sich der finanzielle Erfolg in Grenzen. Infolge der materiellen Not kam es zu Zerwürfnissen zwischen den Ehepartnern, in deren Folge Amalie 1852 ihre erste größere Reise antrat: nach Bukarest, wo sich ihr älterer Bruder als Beutler niedergelassen hatte. Erst nach einem Jahr kehrte sie nach Sachsen und zu Wilhelm Dietrich zurück.

Amalie Dietrich an ihrem 60. Geburtstag, gezeichnet von Christian Wilhelm Allers, 1881.

In den darauffolgenden Jahren unternahm Amalie Dietrich zu Fuß weite Reisen durch ganz Deutschland und Österreich. Sie verkaufte ihre Produkte an Apotheken oder botanische Gärten; gleichzeitig dienten diese Reisen auch zum Sammeln nichtheimischer Pflanzen. Eine Typhuserkrankung zwang sie zu einem längeren Aufenthalt in einem holländischen Krankenhaus. Nach ihrer Rückkehr nach Hause, kam es zum Bruch und zur Trennung der beiden Ehepartner. Von nun an widmete sich Amelie Dietrich voll und ganz der Botanik.

Durch ihre langen und ausgedehnten Wanderungen war sie in der Fachwelt schnell keine Unbekannte mehr und lernte 1862 durch die Vermittlung des Fabrikbesitzers und Freizeitbotanikers Heinrich Adolph Meyer den hamburgischen Reeder Cesar Godeffroy kennen, den so genannten „König der Südsee“, der in Amerika und Australien sowohl verschiedene Handelsunternehmen als auch wissenschaftliche Erkundungen betrieb. Bei ihm bewarb sich Amalie Dietrich um eine Stelle als Forschungsreisende. Godeffroy plante damals ein Museum für Natur- und Völkerkunde der Südsee und betraute sie mit einem 10-jährigen Forschungsauftrag in Australien. Diese Anstellung dürfte noch heute der Traum eines jeden Botanikers oder einer jeden Botanikerin sein. Den Autor dieses Beitrags mit eingeschlossen.

1863 landete Amalie Dietrich in Brisbane an. Sie schickte unzählige Kisten, allesamt vollgestopft mit Präparaten, nach Europa. Von 1866 an gab das Museum regelmäßig Kataloge „ihrer“ Pflanzen heraus. Amelie Dietrich begnügte sich indes nicht nur mit dem Sammeln von Pflanzen, sondern auch Insekten und andere Kleintiere fielen in ihr Interessengebiet. Außerdem hat sie für die Sammlung des Museum Godeffroy acht Skelette, zwei Schädel und eine Haut von Aborigines aus Queensland nach Deutschland gesendet, was ihr bis heute in Australien den Beinamen „Angel of Black Death“ beschert hat.Einige der von ihr entdeckten Pflanzen- und Tierarten tragen ihren Namen.

1873 kehrte Amalie Dietrich auf dem Schiff Susanne Godeffroy nach Deutschland zurück. Sie fand mit ihren beiden gezähmten Adlern erst bei der Familie Godeffroy Unterkunft, wo sie ihre Sammlungen betreute und verwaltete. 1879 fand sie eine Stelle als Kustodin im Botanischen Museum von Hamburg. Sie starb 1891, knapp 70-jährig, in der Obhut ihrer Tochter Charitas Bischoff, die ihr mit der Biografie Amalie Dietrich – Ein Leben ein Denkmal setzte. Die von der Natur begeisterte Amalie äußerte vor ihrem Tode den Wunsch „Setzt mir ein Efeu aufs Grab.“

Ihr Schaffen für die Botanik sowie die Zoologie ist überaus beachtenswert. Amalie Dietrich war nach Maria Sibylla Merian die bedeutendste Naturforscherin und Forschungsreisende Deutschlands. Die Sammlung botanischen und zoologischen Materials, die Amalie Dietrich im Zuge ihres Australienaufenthalts zusammentrug, gilt als die umfangreichste einer Einzelperson. Sie war Entdeckerin von annähernd 640 Pflanzenarten. Nach Amalie Dietrich wurden die von ihr entdeckte Algenart Sargassum amaliae, der Sonnentau Drosera dietrichiana, die Moosart Endotrichella dietrichiae und die Wespenart Odynerus dietrichianus benannt.

 

 

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