Sonntag ist Wanderzeit. Das mittlerweile recht trübe Novemberwetter ist dieser Tradition nicht abträglich. Also machte ich mich erneut auf in den Harz um ein paar Stempelstellen der Harzer Wandernadel abzugrasen. Ausgangspunkt war das 80-Einwohner Dörfchen Treseburg im Hochharz. Dieses idyllisch gelegene Nest muss im Sommer eine wahres Paradies sein. Im Herbst ist es wahrscheinlich nicht ganz so farbenfroh wie in der hellen Jahreszeit, jedoch tummeln sich im November auch nicht so viele Touris in der Gegend. Die damit einhergehende Einsamkeit kam mir wie gewohnt sehr gelegen.

Die heutige Wanderung war leider keine Runde sondern ein Sternmarsch, mit Treseburg als Zentrum. Erste Stempelstelle des Tages war der „Weiße Hirsch“ (Stempelstelle 67), dieser Aussichtspunkt bietet, nach einem steileren Aufstieg, einen sehr schönen Blick über das Dorf und die hindurchfließende Luppbode.

Blick vom „Weißen Hirsch“ auf Treseburg.

Nur wenige Hundert Meter entfernt wartet bereits der zweite Stempel des Tages darauf seine Spuren in meinem Stempelheft hinterlassen zu dürfen. Die „Sonnenklippen“ (Stempelstelle 69) haben bereits Deutschlands Dichterfürsten begeistert und bieten noch heute einen schönen und (durch den Nebel) märchenhaften Anblick. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Bodetal eine urwüchsige, nahezu unbezwingbare Schlucht. Wanderwege gab es zu dieser Zeit noch keine, sodass man nur am Flussbett der Bode in das urwüchsige schroffe Tal vordringen konnte. Erste schmale Wanderpfade wurden mit der zunehmenden Entwicklung des Fremdenverkehrs um 1818 angelegt. Grenzsteine zeigen, dass die Bode einst ein Grenzfluss war. Die rechte Flussseite gehörte zum Königreich Preußen, die linke oberhalb des Bodekessel zum Herzogtum Braunschweig. Bereits 1937 wurde das Bodetal zwischen Thale und Treseburg zum Naturschutzgebiet erklärt.

Die Sonnenklippen bei Treseburg.

Letzter Stempel dieser Tour, aber nicht für heute, war der ebenfalls nahegelegene „Wilhelmsblick“ (Stempelstelle 66). Auch dieser Aussichtspunkt hoch über Treseburg ermöglicht einen weiten Blick über die im Herbstkleid leuchtenden Bäume des Harzes.

Im Rahmen von in 1861 durchgeführten Straßenarbeiten kam der Straßenbaumeister Wilhelm auf die Idee, direkt neben der Landstraße einen Tunnel anzulegen um auf den darüber liegenden, einzigartigen Aussichtpunkt zu gelangen. Der Aussichtspunkt wurde später nach ihm benannt.

Direkt neben dem  Tunneleingang wurde ein Schild mit folgenden Spruch angebracht:

Wanderer halt die Schritte ein, willst Du Herz und Sinn erfreun.
Leicht ersteigen Bergeshöhen, wo der Vorwelt Schauer wehen.
Und vor längst entschwundenen Jahren Türme noch und Zinnen waren.
Aber jetzt Dein Auge ruht auf des Bergstroms wilder Flut.
Und Du fühlst nur Luft – doch Grauen, wenn Du es wagst hinab zu schauen.
Tritt in diese Höhle ein.“

Der Wilhelmsblick, befindet sich auf einem schmalen Felsgrat, welcher im großen Bogen von der Bode umflossen wird. Dadurch kann man von dem schönen Aussichtspunkt mehrere Flussabschnitte der Bode überblicken.

Stempelkasten und Aussicht des „Wilhelmsblicks“ bei Treseburg.

Diese Tour durch den Harz machte mir trotz leichtem Regen (oder gerade deshalb?) besonders viel Freude. Der Waldboden roch wunderbar erdig, die Luft war frisch und unverbraucht und der Nebel umwallte die Landschaft mit einer mystischen Aura. Keine Spur von einem trüben November. In diesem Jahr war ich fast jedes Wochenende im Harz unterwegs, sei es beruflich oder privat. Die so gesammelten Eindrücke ergeben nun ein interessantes Bild vom nördlichsten Mittelgebirge Deutschlands. Der Wald verändert sich nahezu von Woche zu Woche und ehe man sich versieht ist es Herbst und die Natur fährt einen Gang zurück.