Das Wetter am gestrigen Samstag war ideales Wanderwetter. Nicht zu warm und nicht zu nass. Also auf in den Harz zur Stempeljagd der Harzer Wandernadel. Ausgangspunkt war die geschichtsträchtige Stadt Ballenstedt im nördlichen Harzvorland. Von hier aus führen ein paar schöne Routen in Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge und eine davon bin ich gestern gelaufen. Auf der Tour galt es, drei Stempelstellen der Harzer Wandernadel anzulaufen.

Erste Station der Wanderung war die Stempelstelle 181 mit dem Namen Forstmeister Tannen. Das Aboretum  „Forstmeister Tannen“ befindet sich am Rande des Ballenstedter Schlossparks und liegt oberhalb des Glockenteiches. 1766 wurde an dieser Stelle eine Forstplantage mit fremdländischen Gehölzen angelegt, deren Auswahl Oberforstmeister von Truff besorgte. Im März 1767 orderte Fürst Friedrich Albrecht über englische Händler eine Samenkiste aus Nordamerika. Die mächtigen Weymouthskiefern des Aboretums stammen aus diesen Provenienzen und gehören zu den ältesten ihrer Art in Deutschland. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts widmete sich die Försterdynastie Tietz der weiteren Bestandspflege. In diese Amtszeit fällt die im Jahr 1810 vorgenommene Ergänzung mit Tiroler Lärche. Bereits Anfang des 20. Jahrhundert galten die Forstmeister-Tannen als waldbauliches Kabinettstück und bildeten den würdigen Rahmen für die Grablege des diensthöchsten Forstbeamten im Land Anhalt, Oberforstrat Franz-Wilhelm Sachtler (1865 – 1924).

Forstmeister Tannen (Stempelstelle 181 der Harzer Wandernadel).

Auch hier im Harz lagen die Temperaturen im positiven Bereich und der schmelzende Schnee verwandelte die Wege in regelrechte Schlammpisten. Das Laufen war stellenweise recht mühsam und dementsprechend sahen nach wenigen Metern die Schuhe und Hosenbeine aus. Das hielt mich aber nicht davon ab, die nächste Station der Wanderung ins Visier zu nehmen. Nach gut 3 Kilometern passierte ich ein markantes an einer, im Sommer farbenfrohen Waldwiese gelegenen Steinkreuzes namens Armer Heinrich. Der Volksmund erzählt folgende Sage vom „Armen
Heinrich“: Er soll zu Lebzeiten als Bettler meist zwischen den Märkten in Ballenstedt und Harzgerode unterwegs gewesen sein. Eines Tages wurde er an dieser Stelle Tod aufgefunden. In dem
Futter seiner Jacke waren zur großen Überraschung viele Goldstücke eingenäht. So konnte man dem an Ort und Stelle begrabenen „Armen Heinrich“ ein Steinkreuz errichten.
Solche Sühnekreuze gibt es mehrere im Harz und jedes hat seine eigene, meist traurige Geschichte zu erzählen. Nur wenige Meter und Gehminuten vom Armen Heinrich entfernt, wartet schon der nächste Stempel für mein Stempelheft. Der „Schirm“ (Stempelstelle 182 der Harzer Wandernadel) ist ein Rastplatz im NSG Burgesroth-Bruchholz zwischen Ballenstedt und dem Selketal bei Mägdesprung.

Das 620 h große Naturschutzgebiet verbindet über das Amtmanntal, welches im Schlosspark Ballenstedt beginnt, zwei Waldgebiete miteinander.   Es stellt einen überwiegend bewaldeten Bereich mit verschiedenen Biotoptypen unter Schutz. In erster Linie finden sich naturnahe Laubwaldgesellschaften und ehemalige Mittelwälder mit hohem Alt- und Totholzanteil, darunter Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald, Hainsimsen-Buchenwald und Erlenwaldgesellschaften. In den Waldbereichen sind Quellbereiche und naturnahe Bachtäler zu finden. Am Schirm treffen sich nicht zufällig sternförmig  viele Wege, sondern Fürst Victor Friedrich ließ im Jahr 1728 zwischen Ballenstedt und „Bremer Teich“ HWN 196 eine Jagdbahn für die damals beliebte Parforcejagd anlegen. An ausgewählten Punkten befanden sich Jagdhäuser oder überdachte Jagdansitze, welche „Schirme“ genannt wurden.

Der Schirm bei Ballenstedt ist die Station 182 der Harzer Wandernadel.

Der „Schirm“ liegt deutlich höher als die letzte Stempelstation. Der Schnee hält sich hier wacker und macht die Wanderwege sehr glatt und rutschig. Also immer schön langsam einen Fuß vor den anderen setzen und nur nichts überstürzen. Immerhin war die dritte und letzte Stempelstelle der heutigen Wanderung ein paar Kilometer entfernt. Den Abschluss der Tour bildete eine Stempelstelle der Kategorie „Schön ist anders“. Nämlich Stempelstelle 61, der Grauwackeabbau bei Rieder. Der Weg dahin war wirklich schön. Er führte oberhalb eines Gewässers entlang und der Wind pfiff mit Wucht um meine Ohren. Auch sorgte der winterliche Wald für eine schöne Stimmung. Die Stempelstelle hingegen markierte halt einen Steinbruch und diese sind nun mal nicht mein bevorzugtes Landschaftselement. Der Abbau von Grauwacke im Eulenbachtal bei Rieder geht zurück auf einen kleinen Steinbruch des Reichsarbeitsdienstes im Jahr 1935. Ende der 1960er Jahre verlagerte das VEB Natursteinkombinat Halle-Sennewitz seine Produktionsstätte vom Teichgrund bei Ballenstedt hierher. Die moderne Anlage zum Brechen und Klassifizieren errichtete der heutige Betreiber des Edelsplittwerks, die Mitteldeutsche Baustoffe GmbH im Jahr 1992. Der größte Teil der Produktion wird im Umkreis von bis zu 40 km abgesetzt. Weil jährlich 800.000 t das Werk verlassen, werden die Vorräte hochwertiger Grauwacke in der Lagerstätte im Eulenbachtal bald erschöpft sein. Ein Abschlussbetriebsplan regelt die nachfolgende Renaturierung. Die Anlage zum Brechen und Klassifizieren jedoch soll weiterbetrieben und von einer anderen Lagerstätte mittels Bandanlage mit Rohstoff versorgt werden. Schon heute leben im Steinbruch viele seltene und besonders schützenswerte Tierarten, darunter die größte heimische Eule, der Uhu. Wie Videoaufnahmen belegen, streift längst auch der scheue Luchs nachts übers Betriebsgelände.

Der Grauwackesteinbruch bei Rieder ist die Stempelstelle 61 der Harzer Wandernadel.

Der Grauwackesteinbruch bei Rieder ist bald erschöpft und soll renaturiert werden.

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