Am vergangenen Samstag wanderte ich von Ilsenburg nach Schierke durch den schönen Harz. Dabei sah ich wieder jede Menge eindrucksvolle Natur samt wunderschöner Gegend. Aber nicht nur. In der Nähe des Brockens wurde ich einer Sache ansichtig, die ich bisher gar nicht wahrgenommen hatte.

Der Wald rund um den Brocken hat ein Problem. Er ist nämlich nur noch kleinflächig vorhanden. Schuld daran ist der Fichten-Borkenkäfer, er vernichtet den wertvollen Waldbestand. So oder so ähnlich sagen es die Förster. Der Naturschutz sagt, Schuld daran ist der Mensch, der über Jahrzehnte auf Monokulturen gesetzt und für den Standort gerechte Waldarten ignoriert hat.

Der Fichtenborkenkäfer (Achtzähnige Fichtenborkenkäfer, Ipstypographus) folgt lediglich seiner natürlichen Bestimmung und ist ein ganz natürliches Element aller Fichtenwälder und dürfte so lange in unseren Breiten sein wie die Fichtenwälder selbst. Der auch „Buchdrucker“ genannte Käfer ist ein Rindenbrüter und befällt normalerweise nur alte und geschwächte Bäume. Vitale Bäume setzen sich in aller Regel erfolgreich zur Wehr. Erst bei Massenvermehrungen werden auch augenscheinlich gesunde Fichten befallen.

Die Ursachen für heute sichtbare Auswirkungen sind zu einem großen Teil erst vom Menschen geschaffen worden. Die Fichte ist seit Jahrhunderten der „Brotbaum“ der Harzer Forstwirtschaft. Sie wird schon sehr lange wegen ihres schnellen Wuchses und der Holzqualität angebaut. Natürlicherweise ist die Fichte in den rauesten Hochlagen des Gebirges zu Hause, wohin ihr nur wenige Laubgehölze folgen können. Dort ist sie optimal angepasst. Der Borkenkäfer als ihr „Widersacher“ fühlt sich in diesen unwirtlichen Lagen gar nicht wohl.

Die Nationalparkverwaltung und die Harzer Forstämter sind bemüht, die Zusammenhänge zu erklären und ihr Handeln zu erläutern. Namhafte Waldökologen sehen heute in Anbetracht massiver Vorschädigungen und des Klimawandels für die Fichtenbestände der unteren Gebirgslagen in ganz Mitteleuropa keine Zukunft mehr. Es ist davon auszugehen, dass sich ihr Absterben auch in den nächsten Jahren fortsetzen wird und vielleicht sogar noch stärker ins Blickfeld rückt.

Immer wieder höre ich die Gäste im Harz sagen, dass man dagegen etwas unternehmen müsse. Oftmals bremse ich den Eifer und erkläre die etwas heikle Situation.

Die Natur wird im Nationalpark Harz heute auf 41 Prozent der Fläche sich selbst überlassen, d. h. hier darf Natur Natur sein. Das ist nach nicht einmal 20 Jahren Arbeit im Entwicklungsnationalpark Harz ein beachtliches Ergebnis. Mehr als die Hälfte der Fläche liegt aber noch in der Naturentwicklungszone. Hier müssen durch Initalmaßnahmen die Voraussetzungen für die späteren Naturabläufe noch geschaffen werden. Dann können die Flächen auch in die Naturdynamikzone übergehen.

Im Selbstlauf werden nur wieder Fichtenbestände entstehen, denn als junger Baum ist die Fichte nach wie vor sehr konkurrenzstark. Überlässt man diese sterbenden Fichtenbestände also sich selbst, so kann vielleicht der eine oder andere Pionierlaubbaum einwandern, aber die Fichte mit ihrem reichen Samenpotential wird überhaupt keinen Zweifel aufkommen lassen, wer den zukünftigen Wald minimieren wird. Wir würden unseren Nachfahren damit die gleiche Problematik überlassen, vor der wir heute stehen.

Die Nationalparkverwaltung versucht nun, die „Zusammenbruchswelle“ der Fichtenforste mit geeigneten waldbaulichen Mitteln zu verschleppen. Das einzige Mittel um die Fichtenbestände zu schützen, ist die schnelle Beseitigung der Befallsherde. Unter dem Dach der Restbestände kann dann der Voranbau für eine neue artenreiche Waldgeneration geschehen. Diese notwendige Entnahme frisch befallener Fichten zwingt im ungünstigsten Fall zu flächigem Abräumen, um größere Bestandesblöcke wirksam zu schützen.

Das zwingt auch zum Einsatz schwerer Technik. Sie ist heute in vielen Bereichen die einzige Alternative zu der gefährlichen, Kräfte zehrenden und personalintensiven Handarbeit früherer Zeiten. Dabei entstehen Schäden an Wegen und Gelände, die beseitigt werden müssen.

Um die Waldbestände der Nachbarn vor einer möglichen „Borkenkäferwelle“ aus dem Nationalpark zu schützen, wird grundsätzlich in einem ca. 500 Meter breiten Grenzstreifen eine konsequente Borkenkäferbekämpfung vorgenommen, in gefährdeten Lagen, wenn es erforderlich ist, auch über die 500 Meter hinaus. Im Inneren des Nationalparks lautet die Entscheidung aber häufig „laufen lassen“, vor allem dann, wenn die Laubbaumarten, die den neuen Wald begründen sollen, schon in den Startlöchern stehen. Ziel des Nationalparks ist jedoch nicht, die gerade zusammenbrechenden Fichtenforste flächenhaft durch Laubbaumpflanzungen zu ersetzen.

Die gegenwärtigen Abläufe im Harz sind nur bedingt mit anderen Regionen, z. B. dem Nationalpark Bayerischer Wald, vergleichbar. Der Harz ist nur eine winzig kleine „Fichteninsel“ abseits der Hauptareale der Art. Hinzu kommt, dass die großen Kalamitäten hier nicht am naturgegebenen Standort der Fichte eintreten. Sie finden überwiegend dort statt, wo die Fichte standortfremd ist.

In einem Entwicklungsnationalpark haben wir eine Chance, für die Natur in Vorleistung zu gehen. Das soll etwa bis zum Jahr 2022 abgeschlossen sein. Danach soll auf 75 Prozent der Nationalparkfläche die Natur die Regie übernehmen. Das garantiert eine dauerhafte Lösung unseres heutigen Problems