Befasst man sich mit der Bestimmung von Pflanze und schaut dazu in ein Bestimmungsbuch seiner Wahl, so kommt wird nahezu immer nach den Merkmalen der (Laub-)Blättern gefragt. Das ist nicht verwunderlich, sind diese doch ein ideales Erkennungszeichen für die unterschiedlichen Gattungen im Pflanzenreich. Mit diesem Beitrag möchte ich auf die morphologischen Blattmerkmale eingehen und diese näher erläutern.

Im botanischen Sinne werden Laubblätter in ein Unter- und Oberblatt eingeteilt. Dabei gilt, dass sich das Unterblatt aus dem Blattgrund und den Nebenblättern zusammensetzt (Stipulae). Das Oberblatt hingegen gliedert sich in Blattspreite (Lamina) und Blattstiel (Petiolus). An dieser Stelle und bevor ihr gleich die verschiedenen Pflanzenarten gedanklich durchgeht, der Hinweis: Nicht bei allen Blättern müssen die genannten Bestandteile ausgebildet oder gleichstark ausgeprägt sein. Wie in der Natur üblich gibt es auch hier keine allgemeine Linie, sondern jede Menge Variationen.

Im Folgenden möchte ich die einzelnen Bestandteile ausführlicher beschreiben, beginnend mit dem Unterblatt(Blattgrund und Nebenblätter). Der untersten Teil des Blattes, welcher an der Sprossachse ansitzt, wird Blattgrund oder Blattbasis genannt. Der Punkt, bei dem Sprossachsen und Blatt aufeinandertreffen bzw. sich das Blatt abzweigt, ist die Blattachsel. Analog zum menschlichen Körper lässt sich das gut merken. Der Blattgrund ist meist nur wenig verdickt, nimmt aber manchmal den ganzen Umfang der Sprossachse ein. Im letzteren Fall spricht man von einem stängelumfassenden Blatt (bspw. Lamium amplexicaule, die Stängelumfassende Taubnessel).

Bei gegenständiger Blattstellung sind bisweilen die Basen der beiden Blätter vereinigt. Bisweilen zieht der Blattgrund beiderseits als ein flügelartiger Streifen weit am Stängel herab; solche Stängel nennt man geflügelt. Bei einigen Pflanzenfamilien, etwa bei Süß- und Sauergräsern und Doldengewächsen, bildet der Blattgrund eine so genannte Blattscheide aus. Es handelt sich dabei um einen mehr oder weniger breiten, meist über der Basis des Blattes zu findenden, scheidenartig die Sprossachse umschließenden Teil. Meistens ist dabei die Scheide gespalten, d. h. die Ränder sind frei, nur übereinander gelegt. Dagegen haben die Blätter der Sauergräser geschlossene Scheiden oder solche, an denen keine freien Ränder vorhanden sind. Bei vielen Blättern aber ist der Scheidenteil nur angedeutet oder fehlt ganz.

Morphologische Gliederung eines Blattes. OB = Oberblatt, UB = Unterblatt (Foto: Griensteidl).

Die Nebenblätter spielen bei der botanischen Bestimmung oftmals eine entscheidende Rolle. Bereits am Anfang des Bestimmungsganges wird nach ihnen gefragt. Oftmals fehlen diese Merkmale aber bei Exemplaren der gesuchten Art, wodurch es umso wichtiger ist, mehrere Individuen der gleichen Art für eine erfolgreiche Bestimmung zu untersuchen. Wenn man wie ich, die Pflanzen nicht aus dem Boden reißen möchte (das sollte unser aller Anspruch sein!), ist die Suche nach den (kleinen) Nebenblättern mitunter sehr abenteuerlich und gipfelt in akrobatischen Verrenkungen. Bei den Nebenblättern, auch Stipulae oder weniger elegant Stipeln genannt, handelt es sich um seitliche, zipfel- oder blattartige Auswüchse des Blattgrundes.

Sie sind meist klein, bei vielen Pflanzenarten fehlen sie oder werden bereits beim Blattaustrieb abgeworfen. Je nach Bau des Blattstieles treten zwei Arten auf. Bei bifazialem (bifazial = ein Blatt besitzt eine Ober- und Unterseite) Blattstiel treten Lateralstipeln auf, die stets paarig seitlich am Blattgrund sitzen. Diese Form ist charakteristisch für Zweikeimblättrige.

Bei unifazialem (unifazial = Blatt weist keine Ober- und Unterseite im klassischen Sinne auf) Blattstiel treten Stipeln auf, die nur in Einzahl auftreten und in der Mediane in der Achsel des Blattes liegen. Sie sind häufig kapuzenförmig und treten vor allem bei Einkeimblättrigen auf. Bei einigen Familien sind die Nebenblätter stark entwickelt, so bei den Schmetterlingsblütlern (bspw. Erbse), den Rosengewächsen und den Veilchengewächsen. Sie können entweder frei (bspw. bei Wicken) oder scheinbar dem Blattstiel angewachsen sein (Rosen). Bei etlichen Bäumen, wie Linden, Hainbuchen oder Pappeln sind die Nebenblätter als häutige, nicht grüne Schuppen ausgebildet, die schon während der Entfaltung der Blätter abfallen. Bei den Knöterichgewächsen sind die Nebenblätter zu einer Nebenblattscheide (Ochrea) umgebildet, einer häutigen Scheide, die den Stängel röhrenförmig einschließt. Das Blatthäutchen (Ligula) der Süß- und Sauergräser, das am Übergang von der Blattscheide in die Blattspreite sitzt, ist ebenfalls ein Nebenblatt.

Innerhalb der Gattung Trifolium (Klee) eignen sich die markanten Nebenblätter als gutes Bestimmunsgmerkmal (rot). Foto: @Feldbotanik (Twitter).

Nach dieser Menge Input meint es das Oberblatt gut mit uns und hält mit Blattstiel und Blattspreite zwei überschaubare und leicht zu erkennende Merkmale für uns bereit. Der Blattstiel (Petiolus) ist der auf den Blattgrund folgende, durch seine schmale, stielförmige Gestalt vom folgenden Teil des Blattes mehr oder minder scharf abgegrenzte Teil des Blattes. Bei den meisten Einkeimblättrigen und bei vielen Koniferen fehlt der Blattstiel. Blätter ohne Stiel nennt man sitzend. Es gibt auch Blätter, die nur aus dem Stiel bestehen, der dann flach und breit ist und an welchem die eigentliche Blattfläche ganz fehlt. Der Blattstiel ist meist nur bei Laubblättern ausgebildet.

Den wohl offensichtlichsten Teil des Blattes bildet die Blattspreite (Lamina), sie ist das Merkmal, welches uns meistens zuerst in das Auge springt und anhand dessen wie Identifikation der Pflanze auch im sterilen Zustand oder bei Bäumen aus einiger Entfernung möglich ist. Die Blattspreite wird gemeinhin als eigentlich „Blatt“ bezeichnet und ist i. d. R. Trägerin von Blattfunktionen (bspw. Photosynthese und Transpiration).

 

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