In den vergangenen Wochen und Monaten hatte ich Gelegenheit, die unterschiedlichsten Naturräume Sachsen-Amhalts zu durchstreifen und zu botanisieren. Dabei konnte ich mir einen Überblick über die vielfältigen Lebensräume des oftmals zu Unrecht gescholtenen Bundeslandes verschaffen. Mein Weg führte dabei von den Feuchtwiesen und Mooren im Norden (Landkreis Stendal) über den Harz im Osten und den Trockenrasen im Saaletal bis zu den orchideenreichen Kalktrockenrasen im südlichen Burgenlandkreis. Obwohl ich die jeweiligen Regionen schon von früheren Streifzügen her kannte, kam ich nun in den Genuss sie in kurzer Zeit nacheinander zu bewundern.

Nasswiese im Landkreis Stendal

Zu den bereits bekannten Regionen gesellten sich alsbald Gegenden, in denen ich bisher noch gar nicht war. Besonders die nordöstlich sowie nordwestlich gelegenen Landstriche Sachsen-Anhalts bedeuteten viel Neues für mich. Die Regionen Salzwedel und Stendal können, aus botanischer und naturschutzfachlicher Sicht, auf den ersten Blick nicht mit den Vorzeigeregionen Saaletal, Harz und Burgenlandkreis mithalten, offenbaren aber bei genauerem Hinsehen ebenso ihre Kleinode.

Vernässte Wiesen mit anhaltender Staunässe wie hier im Landkreis Stendal sehen nur auf den ersten Blick langweilig aus. Auf den zweiten Blick offenbaren sich botanische Schätz, u.a. Orchideen.

Zu den wohl eindrucksvollsten Lebensräumen zählten für mich in diesem Jahr die Bergmähwiesen  und Borstgrasrasen im Harz. Ich besuchte ausgewählte Wiesen über das ganze Jahr im Zweiwochentakt und konnte dadurch die Veränderungen in der Vegetation hautnah miterleben. Wo zu Beginn des Jahres ein Meer aus Bärwurz (Meum athamanticum) die Wiesen weiß färbte, stellten sich im Laufe der Wochen die Blühaspekte von Bergwohlverleih (Arnica montana) und Kleinen Klappertopf (Rhinanthus minor) ein und färbten die Wiesen gelb.

Bergmähwiese im Harz

Borstgrasrasen im Harz

Gänzlich andere Bedingungen und Anblicke bieten die Bachtäler in Deutschlands nördlichstem Mittelgebirge. Im von mir sehr geliebten Harz finden sich Dutzende von solchen Tälern, die durch die Kraft und Ausdauer vieler kleiner und großer Bäche in das Gestein geschnitten wurden. Besonders im westlichen Teil des Harzes, bei Benneckenstein, sind äußerst anschauliche Variationen zu finden. Hier, wo die Sonne selbst im Hochsommer nur spärlich den Boden erwärmt und stets Vernässung vorherrscht, sind überaus viele, teilweise gefährdete Pflanzenarten zu finden. Wie immer gilt, die Schönheit offenbart sich oftmals erst auf den zweiten Blick.

rrem

Die Bachtäler im Harz verbergen ihre botanischen Kleinode. Hier muss man schon sehr genau hinschauen.

Die Bach-Nelkenwurz /Geum rivale) war eines meiner botanischen Höhepunkte der Saison 2019.

Seit Jahren habe ich versucht, Geum rivale zu finden. In einem Seitenbachtal im Harz fand ich sie im Sommer 2019 ganz unvermittelt.

Ganz am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Trockenrasen im Saaletal zwischen Bernburg und Halle an der Saale. Hier ist Wasser eine knappe Ressource und die Vegetation hat sich dementsprechend darauf eingestellt. Die Steppenrasen der Region gehören zu den am meisten gefährdeten und im Schwinden begriffenen Lebensräumen des Landes. Hier schlägt der landesweite Pflegenotstand mit voller Wucht zu und führt dem Land seine eigene Hilflosigkeit, unsere Biodiversität zu erhalten, täglich vor Augen. Wären die, leider auch schwindenden, ehrenamtlichen Helfer nicht, würde es mit dem Artensterben vor der Haustür noch rasanter vorangehen. Einer dieser engagierten Naturschützer ist der Landschaftspflegeverein Saaletal, welcher mit einzigartigem Eifer und Engagement die Trockenrasen im Saaletal beweidet und damit für ein Stückchen Natur- und Kulturlandschaft erhält. An dieser Stelle vielen Dank für eure unschätzbare Arbeit.

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Die Steilhänge entlang der Saale sind extreme Standorte. Hier halten sich noch gefährdete und stark gefährdete Pflanzen.

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Die Artenvielfalt der Trockenrasen im Saaletal wird größtenteils dank der Arbeit von sehr engagierten Naturschützern erhalten. Wie auf dem Bild zu sehen mittels Ziegenbeweidung durch den LPV Saaletal.

Ebenso trocken und unwegsam verhält es sich im ehemaligen Kohlegebiet Sachsen-Anhalt, dem Mansfelder Land. Hier, zwischen Eisleben und Helbra, ist die Bergbauvergangenheit noch allgegenwärtig und überall lassen sich Spuren dieser prägenden Epoche finden. Mich zog es in diesem Jahr aber eher in die „vergessenen“ Bereiche und somit auf die steilen (Kalk-)Hänge der Gegend. Diese versprachen botanische Entdeckungen vom Feinsten.

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Im sogenannten „Kesselholz“ im Mansfeldischen zwischen Eisleben und Helbra schlägt das Botanikerherz höher.

Eine solche Entdeckung war eine Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera). Inmitten dichten Gestrüpps konnte ich ein Individuum diesen Orchidee entdecken und damit einen bisher unbekannten Standort ausfindig machen. Ein weiterer schöner Anblick in der Gegend um das FND Kesselholz war aber die Schopfige Traubenhyazinthe (Muscari comosum). Dieser Art stelle ich bereits seit 2 Jahren nach und habe nahezu alle bekannten und erloschenen Vorkommen des Landes besucht. Aber so viele und stattliche Exemplare wie hier habe ich nirgendwo gesehen.

Völlig unverhofft konnte ich dieses Jahr im Kesselholz bei Eisleben eine Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) nachweisen.

Muscari comosum ist eine Art, welche mich die letzten zwei Jahre auf Trab gehalten und begleiten hat.

So schnell wie die Vegetationssaison 2019 gekommen war, so schnell ist sie auch schon wieder vorbei. Teilweise durch die anhaltende Trockenheit in der Region bedingt, sind bereits viele Arten vor ihrem eigentlichen Blühende aus der Landschaft verschwunden. Besonder die einjährigen Arten (annuelle) hatten keinerlei Reserve und haben sich nur kurz gezeigt.

Auch wenn dieses Jahr in Sachen Pflanzenfunde äußerst ergiebig war, ich habe euch ja mittels Artportraits auf dem Laufenden gehalten, so sind doch noch etliche Pflanzen übrig und stehen schon auf der Liste für die kommende Saison.