Es hat mittlerweile seit Jahrzehnten eine gewisse Tradition. Mit dem sich nähernden Ende eines jeden Kalenderjahres werden allerhand Tiere, Pflanzen etc. des (nächsten) Jahres gekürt. Dies geschieht nicht etwa aus einer Laune heraus, vielmehr verfolgen diese Wahlen einen ernsten Zweck. Oftmals werden die Titel an Tiere, Pflanzen etc. verliehen, um auf deren Bedrohung bzw. Gefährdung hinzuweisen. Den Anfang macht, aus dem Vogelreich, die Turteltaube. Der NABU und der Landesbund für Vogelschutz (LBV) aus Bayern haben unsere kleinste heimische Taube zum Vogel des Jahres 2020 gekürt.

Die Turteltaube ist der erste vom NABU gekürte Vogel, der als global gefährdete Art auf der weltweiten Roten Liste steht. Die meisten der höchstens 5,9 Millionen Paare Europas leben in Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien. Turteltauben sind die einzigen Langstreckenzieher unter den Taubenarten Mitteleuropas. Sie verlassen zwischen Ende Juli und Anfang Oktober Europa, um südlich der Sahara zu überwintern. In Deutschland brüten heute nur noch 12.500 bis 22.000 Paare.

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Die 25 bis 28 Zentimeter großen Vögel mit ihrem farbenfrohen Gefieder ernähren sich fast ausschließlich vegan. Sie bevorzugen Wildkräuter- und Baumsamen. Dem Jahresvogel schmecken Samen von Klee, Vogelwicke, Erdrauch und Leimkraut. Diese Pflanzen wollen Landwirte nicht auf ihren Feldern haben. Darum hat sich die Taube seit den 60er Jahren angepasst und ihre Nahrung umgestellt. Der Anteil von Sämereien aus landwirtschaftlichen Kulturen macht nun in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets mehr als die Hälfte der Nahrung aus statt wie früher nur 20 Prozent. Im Gegensatz zu Wildkrautsamen stehen diese aber nur für kurze Zeit bis zur Ernte zur Verfügung und fehlen während der kritischen Phase der Jungenaufzucht.

Die Turteltaube ist Vogel des Jahres 2020 (Bildquelle: LBV).

Die Intensivierung der Landwirtschaft ist auch hier wieder einer der Hauptgründe für eine Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Turteltauben. Die Ausweitung von Anbauflächen geht mit einem Verlust von Brachen, Ackersäumen, Feldgehölzen und Kleingewässern einher. Die Folge sind weniger Raum für Nahrungs- und Nistplätze. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Ackerflächen mit Pestiziden „behandelt“ werden, um diese frei von Wildkräutern zu halten.  Doch von genau diesen Ackerwildkräutern ernährt sich die Turteltaube.

Eine zusätzliche Bedrohung ist die Vogeljagd im Mittelmeerraum. „Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die jährlich mehr als 1,4 Millionen in der EU legal geschossenen Turteltauben von der Art nicht mehr verkraftet werden können. Besonders skandalös: In manchen Ländern gilt das Schießen der stark gefährdeten Turteltauben als ,Sport‘ zum eigenen Vergnügen“, so Eric Neuling, NABU-Vogeschutzexperte. Gegen Spanien und Frankreich wurden im Juli bereits Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission wegen des schlechten Erhaltungszustands der Art eingeleitet. Gegen vier weitere EU-Länder liegen offizielle Beschwerden vor. Dies ist notwendig, obwohl auf einem Treffen aller Mitgliedsstaaten im Mai 2018 ein Aktionsplan zum Schutz der Europäischen Turteltaube verabschiedet wurde. Aber wie immer kommt an dieser Stelle mein Appell, dass durch das Fehlen von geeigneten Habitaten und Strukturelementen in der Landschaft viel mehr Vögel gar nicht erst schlüpfen, als im Mittelmeerraum vertilgt werden.

Die Turteltaube (Streptopelia turtur).

Ja, der indignierte Blick nach Süden ist angebracht, der oftmals erhobene Zeigefinger aber nicht. Wie haben genug vor unserer Haustür zu kehren, damit die Vogelwelt und stellvertretend die Turteltaube einer positiveren Zukunft entgegensieht.

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