Gastbeitrag

Gastbeitrag von Jan Olschewski.

Für viele Menschen sind Fliegen per se lästig und unerwünscht. Und auch wenn bereits der Philosoph Schopenhauer schrieb: „Zum Symbol der Unverschämtheit und Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Thiere den Menschen über Alles scheuen und schon von ferne vor ihm fliehen, setzt sie sich ihm auf die Nase“, ist diese verallgemeinernde Geringschätzung ungerechtfertigt. Jede Fliege hat ihre Funktion und Berechtigung innerhalb ihrer ökologischen Nische und viele Fliegenarten sind auch für uns Menschen relevant und wichtig. In diesem Artikel möchte ich besonders auf die Familie der Schwebfliegen (Syrphidae) hinweisen. Faszinierend, wichtig, unterschätzt!

Die Alarmsignale häufen sich

Vermehrt kommen Studien und Veröffentlichungen zu besorgniserregenden Erkenntnissen in Sachen Insektensterben. Gemeint ist dabei der Rückgang der insgesamten Biomasse (weniger Individuen), absoluter Artenzahl und der Diversität (Lebensgemeinschaften und Lebensräume werden von weniger Arten dominiert) [1]. Z.B. kommt die so genannte „Krefelder Studie“ zu dem erschreckenden Ergebnis, dass die Biomasse der Insekten in den letzten knapp 30 Jahren um dreiviertel abgenommen hat [2]. Auch aus anderen Teilen unseres Globus mehren sich die Alarmsignale. Eine aktuelle Studie, die in Pakistan angefertigt wurde, kommt sogar zu einem numerisch noch dramatischeren Ergebnis. Hier wird ein signifikanter Rückgang der Gesamthäufigkeit von Bestäubern um fast 90% festgestellt und die damit drastischen Einschnitte auf bestimmte Lebensmittelproduktionen [3]. Einzeluntersuchungen lassen sich dabei mehr und mehr wie Bausteine zu einem besorgniserregenden Gesamtbild zusammenfügen, so Segerer und Rosenstolz [4].  Bei den oben angeführten Zahlen wird unmissverständlich deutlich, dass wir uns bereits mitten in einem mehr als besorgniserregendem Prozess befinden, der auch uns Menschen direkt betrifft. Bei der Größenordnung der verzeichneten Rückgänge ist nicht übertrieben zu behaupten: Es kommt auf jedes einzelne Tier an! Es kommt auf jede einzelne (Schweb)Fliege an! Und vor der konkreten (Schutz)Aktion, dem verabschiedeten Gesetz, der aktiven Handlungsänderung, steht das Wissen und das Bewusstsein über Wichtigkeit und Relevanz, in diesem Fall von Schwebfliegen.

Gemeine Sumpfschwebfliege (Helophilus pendulus), ist die mit am häufigsten bei uns vorkommende Art und fühlt sich auch in unseren Gärten wohl, wo sie fleißige Bestäuberin ist. Foto: Uwe B. @insta: foto8friend

Schwebfliegen, Bestäubungsprofis in cognito

Innerhalb dieser für uns so wichtigen biologischen Prozesse sind Bestäubung und die Bestäubungsleitung einiger Insekten und vor allem auch der Schwebfliegen, ein unschätzbar wichtiger Faktor und das global. Wir haben doch die Zuchtbienen, so könnte jetzt argumentiert werden. Forschungen zeigen jedoch, dass Honigbienen (Apis mellifera) nur einen Teil der Bestäubungsleistung überhaupt erbringen (können) [5]. Im Mittel soll die Bestäubungsleistung von Schwebfliegen, laut Studien von den britischen Inseln, sogar bis zu 50% betragen neben Wildbienen mit einem Anteil von 20 bis 30% und dem erstaunlichen Ergebnis von nur um 3% durch Zucht- bzw. Honigbienen [6]. Hierbei wird allerdings darauf hingewiesen, dass sich dieser Wert im direkten Einzugsbereich von Bienenstöcken deutlich erhöht. Schwebfliegen, von denen es ca. 450 Arten allein in Deutschland gibt, gehören also zu den Highperformer im Bestäubungsbusiness. Wenn wir davon ausgehen, dass ca. 80% aller heimischen Nutz- und Wildpflanzen auf Zoophilie, also die tierische Bestäubung, angewiesen sind, muss der absolute Anteil der Bestäubungsleistung von Schwebfliegen bedeutsam und immens sein. Erwachsene Exemplare ernähren sich ausschließlich von Pollen und Nektar. Die Mistbiene (Eristalis tenax) ist z.B. eine ganz besonders effektive und fleißige Bestäuberin von Zwiebelgewächsen. Mal in der jetzt im Herbst anstehenden Zwiebelkuchenzeit dran denken. Und besonders robust sind sie auch noch und sind auch bei ungünstigen Klima- und Wettergegebenheiten bei der Arbeit, wenn die Biene längst aufgegeben hat. Dies befähigt einige Arten der Schwebfliege, unter ihnen auch die gemeine Sumpfschwebfliege (siehe Foto oben), in Teilen unserer Erde zu leben, die wettertechnisch eine echte Herausforderung für fliegende Insekten darstellen wie z.B. den Färöer-Inseln und Island. Auch als Larve sind einige Schwebfliegenarten sehr hilfreich und halten zuverlässig Blattläuse in Schach [7]/[8]. Sie sind außerdem echte Flugkünstler und wie ihr Name sagt zum Schwebflug fähig mit bis zu 300 Flügelschlägen pro Sekunde [9]. Abgesehen jedoch von ihren Leistungen sei da auch noch das Outfit zu nennen. Ihre Mimikry (https://de.wikipedia.org/wiki/Mimikry ) ist legendär! Es ist ein evolutionäres Husarenstück als Mitglied der Zweiflügler (Diptera) die viel wehrhafteren Verwandten der Hautflügler (Hymenoptera) nachzuahmen, was auch oft bei uns Menschen zu Verwechselungen mit vor allem Wespen führt. Aber keinen Grund zur Sorge, Schwebfliegen sind für uns Menschen natürlich vollkommen harmlos und absolut faszinierende Vertreter der Fliegen.

Mit Wissen und Bewusstsein Schwebfliegen unterstützen

Warum schenken wir also so faszinierenden Geschöpfen wie den Schwebfliegen, die auch noch so überaus wichtig für uns sind, nicht unsere volle Bewunderung und Anerkennung? Warum tauchen immer Bienen auf Plakaten und Marienkäfer in Kinderbüchern auf und nicht Schwebfliegen? Weil es Fliegen sind? Oder weil wir schlichtweg zu wenig wissen. Meiner Ansicht nach bietet der Wissensaspekt eine Erklärungsfacette. Eine weitere ist, dass Fliegen im Allgemeinen kulturhistorisch keine besonders gute Lobby haben aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Artikel. Es geht wie so oft in unserem menschlichen Dasein um Bewusstsein, um das Kennen und Wissen, denn nur was wir kennen können wir wertschätzen und was wir wertschätzen werden wir schützen. Hier verweise ich gerne auf meinen Artikel vom 11. Juli 2022 „Von Kunst Käfer und Regenwurm“ (https://naturgebloggt.de/von-kunst-kaefer-und-regenwurm/). Bewusstsein kann auf viele Arten entstehen und unterstützt werden. Ob durch Kunst und Kreativität, durch Protest, Bildung, Diskussion oder einfach mal drüber reden, was ich übrigens dringend empfehlen kann. Als ich letztens meiner Tochter die oben beschriebenen Fakten erzählte, als uns eine Schwebfliege im Garten von Oma und Opa begegnete, war sie sichtlich beeindruckt. Auch so lässt sich etwas für den Insektenschutz beitragen, jede Kleinigkeit hilft und es kommt auf jede einzelne Schwebfliege an. Wie jedenfalls deutlich wurde, sind die Schwebfliegen allemal Vertreter der Familie der Fliegen, die unsere Bewunderung und unseren Respekt verdient hätten und haben! Über die nächste Schwebfliege, die wir sehen, sollten wir uns also gehörig freuen und unseren Freunden davon erzählen. Save the creatures, my friends!

Jan Olschewski http://www.janolschewski.de

Die Mistbiene (Eristalis tenax). Sie wird auch Schlammbiene, Scheinbiene oder Drohnenfliege genannt. Foto: Alexandra Egli @insta: egli.alexandra

  • [1] Vgl.: Prof. Dr. Thomas Schmitt (Direktor: Senkenberg Deutsches Entomologisches Institut)
  • [2]  Hallmann C.A., Sorg M. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12(10): e 0185809.
  • [3]  Ahmed Khan S., Goulson D. et al. (2022): Declining abundance of pollinating insects drives falls in Loquat (Eriobotrya japonica) fruit yields in the Pothwar region of Pakistan. In: Agriculture, Ecosystems and Environment, Volume 339, 108138, ISSN 0167-8809
  • [4]  Vgl.: Segerer A., Rosenkranz E. (2017): Das grosse Insektensterben, was es bedeutet und was wir tun müssen. München: Oekom Verlag.
  • [5]  Garibaldi L.A., Steffan-Dewenter i. et al (2013): Wild pollinators enhance fruit set of crops regardless of honey bees abundance. In: Science magazine Vol. 339, issue 6127, S. 1608-1611.
  • [6]  Ollerton et al. (2012): Trends in Ecology & Evolution 27 (3): S. 141-142.
  • [7]  https://www.plantura.garden/insekten/insekten-unterstuetzen/bestaeuberinsekten-im-garten zuletzt besucht 7.9.2022
  •  [8]      https://arthropodafotos.de/dbsp.php?lang=deu&sc=0&ta=t_38_dipt_bra_syr&sci=Scaeva&scisp=selenitica zuletzt besucht 6.9.2022
  • [9]  https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/fliegen-und-muecken/08292.html zuletzt besucht 7.9.2022.