Für gewöhnlich lese ich keine Biographien. Das Leben anderer Leute ist für mich nur in den seltensten Fällen spannend oder spannend erzählt. Aber hin und wieder mache ich eine Ausnahme. So wie mit dem Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulf. Angesichts des diesjährigen 250. Geburtstags des Naturforschers schien es mir eine sehr gute Lektüre zu sein. Humboldt ist eine der wenigen Persönlichkeiten, die mich schon immer interessiert und fasziniert haben. Mit seinem Wissensdurst und Tatendrang veränderte er seine und unsere Welt.

Bereits vor 200 Jahren warnte er vor den Folgen des menschlichen Tuns in Sachen Raubbau an der Erde und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Weltklima. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts sprach er von der Verödung der Erde durch das Abholzen der Tropenwälder Südamerikas. Auf seinen Reisen durch die Welt eignete er sich eine Sichtweise an, die ihn von allen damaligen Menschen und deren Weltbild unterschied. Er erkannte das Zusammenhängen einzelner Ökosysteme (ohne den Begriff zu kennen) und kam zu dem Schluss, dass „alles irgendwie zusammenhängt“. Er sah den Mensch nicht länger als Krönung der Schöpfung, die über den Dingen steht, sondern nur als Teil eines großen Ganzen und bezeichnete den Menschen sogar als „Bedrohung für die Natur“. Unerhört für die damalige Zeit. Ohne es zu wissen, bildeten seine Gedanken und Thesen die Grundlagen unseres heutigen Naturverständnisses.

Andrea Wulf gelingt es in ihrem Buch, den Werdegang und die Beweggründe dieses einflussreichen Naturforschers spannend und vor allem fundiert zu erzählen.Sie beschreibt die innere Unruhe des Forschers und sein Wirken auf die damaligen Mitmenschen so eindringlich, dass ich mir sehr gut mit der Figur des Alexander von Humboldt identifizieren konnte. Auch die Strapazen der Reisen unter den historischen Umständen wurden vor meinem inneren Auge lebendig.Schon alleine die Passage über die, teilweise barfüßige, Überquerung der Anden liest sich wie ein eigenständiges Abenteuerbuch.

Ebenso war mir bisher nicht klar, in welcher Weise er zusammen mit Deutschlands Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe gewirkt hat und wie sich beide Persönlichkeiten gegenseitig inspiriert, ergänzt und beeinflusst haben. Es muss damals schon ein goldenes Zeitalter der Wissenschaften gewesen sein.

Von den knapp 552 Seiten des Buches sind 132 Seiten mit Quellen, Anmerkungen und Ergänzungen versehen. Das spiegelt sich auch im Text wieder. Die Autorin hat sich scheinbar durch alle vorhandenen oder zugänglichen Briefe, Aufzeichnungen und Texte mit Bezug zu Humboldt gewühlt und ergänzt ihren Text vortrefflich mit Zitaten und Passagen aus Originalquellen. Allesamt vorbildlich gekennzeichnet. Da freut sich der Wissenschaftler in mir. Andrea Wulf hat sich durch scheinbar alle vorhandenen Texte, Briefe sowie Notizen gewühlt und diese Quellen akribisch in ihren Text einfließen lassen. Auf diese Weise werden Korrespondenzen mit den unterschiedlichsten Wissenschaftlern der damaligen Zeit rekonstruiert und vor dem Auge des Lesers lebendig. Obendrein wird in dem Buch ein ganzes Kapitel dem geschätzten Charles Darwin gewidmet und seine Beziehung zu Humboldt genau beschrieben. Ohne dessen Werke hätte Darwin wohl nie einen Fuß auf die Planken der Beagle gesetzt…

Wulfs Schreibstil ist routiniert und für eine solche Art Buch perfekt. Ihre journalistische Vergangenheit und Erfahrungen im Schreiben von leicht verständlich und  anschaulich geschriebenen Sachbüchern spielen ihr erneut in die Hände und sicherte diesem Werk über Humboldt zahlreiche Auszeichnungen. Nicht nur im Jubiläumsjahr des großen Denkers eine absolute Leseempfehlung.

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