Die deutsche Bezeichnung „Distel“ ist etwas irreführend. Sie bezeichnet die jeweiligen Pflanzen nur ungenau, denn diese umgangssprachliche Betitelung umfasst verschiedene Gattungen, die wir im Volksmund als „Disteln“ bezeichnen. Eine dieser Gattungen ist Carlina aus der ich euch die Art Carlina acaulis (Silberdistel) etwas näher vorstellen möchte.

Die ausdauernde, krautige Pflanze ist in ihrem Wuchsverhalten alles andere als normal. Sie kann fast auf dem Boden sitzen oder sich in Höhen von ca. 40 cm hochkämpfen. Ihrer bis zu 1 Meter tief reichenden Pfahlwurzel verdankt C. acaulis die Bezeichnung Tiefwurzler. Die Laubblätter sind etwa bis zum Mittelnerv buchtig, fiederschnittig und dornig gezähnt. Sie bilden meist eine Rosette. Die Blattunterseite ist kahl bis etwas spinnwebig. Die größten Laubblätter sind 4 bis 8 Zentimeter breit.

Der Aufbau ähnelt stark dem der Asteroideae, bei denen oft die Röhrenblüten von Zungenblüten umgeben sind. Diese Verstärkung der Schauwirkung wird bei der Silberdistel jedoch durch die inneren Hüllblätter erreicht. Diese Hüllblätter der Pflanze sind eine erstaunliche Konstruktion und haben weitreichende Auswirkungen auf die umliegende Natur. Die Hüllblätter reflektieren im Unterschied zu den Röhrenblüten nämlich UV-Strahlung, wodurch Insekten, die ultraviolettes Licht wahrnehmen, wissen, wo Nektar zu finden ist und Carlina acaulis dementsprechend oft anfliegen. Dieses Merkmal ist bei Korbblütlern der Regelfall.

Die abgestorbenen Hüllblätter der Silberdistel nehmen bei Erhöhung der Luftfeuchtigkeit an der Blattunterseite mehr Wasser auf als an der Blattoberseite. Durch diese hygroskopische Eigenschaft krümmen sich die Hüllblätter nach oben und schützen die Röhrenblüten vor Regen. Deshalb wird die Silberdistel, genau wie die Golddistel, auch Wetterdistel genannt. Schließen sich die Hüllblätter, ist Regen zu erwarten, bei Sonnenschein öffnen sie sich. Bereits ein fünf- bis zehnmaliges Anhauchen genügt, um die erste Aufrichtebewegung auszulösen.

Carlina acaulis am Kitzbühler Horn (Österreich).

Die Art ist in Europa durchaus weit verbreitet. Das Verbreitungsgebiet in Deutschland erstreckt sich über die Alpen und das Alpenvorland, den Bayerischen Wald, die Schwäbische Alb, die Frankenalb, das Thüringer Becken, die Rhön und nordwärts bis an den Rand des Harzes und wenige Standorte auch darüber hinaus im Weser-Leine-Bergland und im Nördlichen Harzvorland. Anhand dieser Standorte wird deutlich, dass es sich um eine eher montane Art handelt. Stark rückläufig sind ihre Bestände hingegen in der Oberlausitz. Im Westen, Norden und Osten Deutschlands ist die Art sehr selten bis vollständig fehlend. Die Silberdistel ist in Deutschland gesetzlich geschützt und gehört zu den gefährdeten Arten.

Der Name Carlina acaulos, magna flore war bereits vor Carl von Linné gebräuchlich. Von Caspar Bauhin wurde die Silberdistel als Carlina caulifera vel acaulis bezeichnet. Der Gattungsname leitet sich wahrscheinlich über eine oberitalienische Dialektform cardelina (distelförmige Sippe) über den Namen des Distelfinks (Carduelis carduelis) vom lateinischen carduus ab. Ein Bezug auf Karl den Großen oder Kaiser Karl V ist sekundär und hat zu etymologischen Legenden Anlass gegeben. So soll ein Engel Karl dem Großen im Traum die Silberdistel als wahres Heilmittel gegen die Pest gezeigt haben, und sie wurde in dessen Heer verwendet; daher angeblich Karlsblume.

Das Artepitheton acaulis ist aus dem Lateinischen abgeleitet, es bedeutet stängellos und bezieht sich auf den Habitus.

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