Stefanie Weigelmeier
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von Stefanie Weigelmeier. –

Die Ausrüstung für eine Flechten-Tour ist spartanisch: eine 10x-Lupe passt in jede Hosentasche und ist ausreichend um sich optisch von Ästhetik und Vielfalt der Flechten in Bann ziehen zu lassen.
Fußmüden sei gesagt, dass eine Flechten-Tour auch nicht unbedingt mit strapaziös langen Märschen verbunden sein muss, Flechten gibt es buchstäblich an jeder Ecke.

Doch bevor es losgeht: …

Biologie der Flechten

Eine Flechte ist eine symbiotische Lebensform aus Pilz und Alge. Der Pilz bildet dabei mit seinen Hyphen das Ge-flecht, in welchem ein Algenpartner (Grün- oder Blaualge (= Cyanobakterium) lebt. Der grüne, graue oder bläuliche Algenpartner ist zur Photosynthese fähig, produziert also Energie, wäre allein aber sehr empfindlich gegen Austrocknung, Sonneneinstrahlung oder algenabweidende Organismen.
Spannend ist, dass beide Partner auch allein vorkommen können, dann aber vollkommen anders aussehen. Nur in der verflochtenen Kombination sehen sie aus wie eine Flechte und auch nur so können sie ihren symbiotischen Vorteil ausspielen: ernährungsphysiologische Unabhängigkeit. Das macht sie zu wahren Überlebenskünstlern

Flechten, wie auch die Moose, Algen, Farne und die Pilze gehören zu den Kryptogamen. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Pflanzen, die im Verborgenen heiraten“. Es schien den botanischen Autoren für die Nomenklatur also genauso bemerkenswert wie charakteristisch, dass wir diesen Lebewesen nicht beim Sex zuschauen können. Heute ist der Begriff mit der blumigen Bedeutung wissenschaftlich nicht mehr logisch, wird aber noch vielfach verwendet.

Taxonomisch ist das alles mehr als nur ein wenig kompliziert und sehr im Fluss, aber zum Glück für das grobe Verständnis hier auch gar nicht so wichtig.

[BUCHTIPP] „Flechten einfach bestimmen“

Wer auch nur einen Teil der bei uns vorkommenden Arten kennenlernen und sicher bestimmen will, hat eine spannende Lebensaufgabe vor sich. Flechten sind zwar ganzjährig in der Natur vorhanden, lassen sich einfach herbarisieren, aber die Bestimmung von Flechten ist alles andere als trivial. Ein botanisches Grundverständnis ist hier hilfreich, die anzusprechenden Strukturen erkennen und benennen zu können. Ist diese Hürde einmal gemeistert, erweitern sich Wahrnehmung und Formenkenntnis.

Das Buch „Flechten einfach bestimmen“ von Volkmar Wirth und Ulrich Kirschbaum unterteilt die Flechten in ökologische Artengruppen und bietet einen Schlüssel, der ohne mikroskopische Details zum Ziel führen kann. Neben einer 10x-Lupe sind chemische Reagenzien nötig, die mit der entsprechenden Vorsicht benutzt werden wollen.

Das Buch beschreibt auf je ein bis zwei Seiten ca. 400 wichtige Arten, die in Mitteleuropa vorkommen. Neben brillanten Photographien finden sich hier Informationen zu Verbreitung, Ökologie und dem Zeigerwert.

Das Buch ist im Quelle-Meyer-Verlag erschienen. Quelle & Meyer liefert damit in guter Tradition ein weiteres Bestimmungsbuch. Das Buch kostet 24,95€, Du bestellst es am besten beim lokalen Buchhandel!

„Flechten einfach bestimmen. Ein zuverlässiger Führer zu den häufigsten Arten Mitteleuropas.“ Von Volkmar Wirth und Ulrich Kirschbaum; 2., aktualisierte Auflage, 416 S., 474 farb. Abb., geb., 12 x 19 cm. Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim, 2017. ISBN 978-3-494-01644-3 – 24.95€

Flechten wachsen auf Bäumen oder auf Gestein. Viele Arten gedeihen auf beidem gut und darüber hinaus auch auf anthropogen geformten Untergründen: Holzpfosten, Ruhebänken, Betonmauern, Ziegeldächern usw.
Flechten sind richtig gut darin, unwirtliche Standorte zu besiedeln.
Sie wachsen langsam, aber sie wachsen! Ein Thallus mit etwa 4 cm im Durchmesser kann daher durchaus 4o Jahre alt sein.

Auf Naturfels: rechts eine Krustenflechte, die dort gut und gerne 40 Jahre gewachsen ist, links ein Graffito über das die “Künstler” vermutlich keine 4 sec. nachgedacht haben. © Stefanie Weigelmeier

Die Bundesartenschutz-Verordnung (BArtSchVO) listet sechs Gattungen (besonderer Artenschutz). Darunter auch die Blattflechte Parmelia sulcata (siehe Titelbild). P. sulcata wächst auf nährstoffreicher Rinde, hat eine breite ökologische Amplitude und toleriert auch ein gewisses Maß an Giftstoffen.

Flechten werden nicht nur von Rentieren gefressen, auch Murmeltiere, Wühlmäuse, Eichhörnchen und Paarhufer fressen sie. Die Raupen der Flechtenbären, einer Nachtschmetterlinge-Gattung und ebenso nach BArtSchVO geschützt, ernähren sich ausschließlich von bestimmten Fechten-Arten. Auch Schnecken verfügen über die Möglichkeit, Flechten verdauen zu können. Für viele kleine Wirbellose bieten die Flechtenpolster einen geeigneten Lebensraum. Wimperlinge, Rädertierchen, Amöben oder Bärtierchen, sowie Ameisen, Milben, Springschwänze und kleine Käfer finden in Flechtenpolstern Zuflucht und Nahrung gleichermaßen.

Es gibt 1.946 Flechtenarten in Deutschland (Stand Rote Liste 2011).

Wie geht es den Flechten? Schutzstatus und Verbreitung

In Deutschland gibt es etwa 2.000 Flechtenarten. Über 40 % sind bereits ausgestorben oder im Bestand gefährdet. Nur für etwa ein Viertel der in Deutschland vorkommenden Arten wird eine Gefährdung aktuell sicher ausgeschlossen. Weniger als 10% der Arten sind häufig anzutreffen. Auffallend ist, dass sich unter den häufigen Arten aber viele Nitrophyten befinden. Das sind Arten, die gut mit hohen Nährstoffgehalten zurechtkommen. Dadurch sind sie unmittelbare Indikatoren der allgemeinen Überdüngung der Landschaft.
Ursprung der hohen Stickstoff-Gehalte in der Luft ist die Intensivierung der Landnutzung.

866 der in Deutschland vorkommenden Flechtenarten sind bereits ausgestorben oder bestandsgefährdet.

Flechten – ein Indikator für gute Luft?!

In den Wäldern hat die Anlage von Nadelholz-Monokulturen bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu großen Verlusten der Flechten-Vielfalt geführt.
Mit dem fortschreitenden 20.Jahrhundert führten erhöhte Schwefeldioxid-Konzentrationen in der Luft durch die Industrialisierung zu Artenschwund und Artenwechsel. Erst zum Ende des letzten Jahrhunderts konnten die Schwefeldioxid-Konzentrationen durch verstärkte Anstrengungen in der Luftreinhaltung wieder signifikant verringert werden. Dies machte sich über Jahrzehnte hinweg auch bei den Flechtenarten bemerkbar.

Die auffällige Blattflechte Xanthoria parietina, ein Stickstoff-Zeiger. © Stefanie Weigelmeier

Seit den 1950er Jahren beeinflusst der Mensch mit einem weiteren Faktor den Naturhaushalt: Stickstoff.
An Bäumen oder den Ästen und Zweigen von Hecken fällt oft die große gelbe Flechte Xanthoria parietina auf. Die Blattflechte bildet große leuchten gelb (bis grünliche) Rosetten auf denen auch mit bloßem Auge bei Zeiten orange-farbene Scheiben zu erkennen sind. Das sind die Fruchtkörper. Die konkurrenzstarte Art ist nährstoffliebend und profitiert somit von den Stickstoffeinträgen durch die Landwirtschaft.

Flechten sind nicht unbedingt ein Indikator für gute Luft, wohl aber ein guter Indikator für die Luft!

FF – Flechtenfazit

Flechten leben mit einer hoch spezialisierten Biologie und reagieren sehr empfindlich auf Umweltveränderungen. Flechten nehmen Luft, Wasser und die darin gelösten Stoffe nahezu ungefiltert über ihre Oberfläche auf. Nähr- aber auch Schadstoffe und damit Veränderungen der Luftzusammensetzung wirken daher bei einigen Arten sehr schnell.
Deswegen eignen sich Flechten als Bioindikatoren. Diese lebenden Messinstrumente arbeiten feiner als die Technik die mensch bisher entwickelt hat.

Trotzdem sind Flechten in der allgemeinen Wahrnehmung unterrepräsentiert (oder treten als zu-entfernende „Krusten“ auf). Auch im Naturschutz werden Flechten selten betrachtet oder in der Maßnahmenkonzeption berücksichtigt.

Typische Lebensräume der gefährdeten Arten sind:

  • Felsen und Blockschutthalden (Stichwort Kletterfelsen),
  • lückig bewachsene Magerrasen,
  • solitäre Altbäume (Baumpflege, Baumerhalt) und
  • großflächige, forstlich schonend genutzte Waldgebiete.
Cladonia portentosa auf einem Magerrasen – nach BArtSchVO besonders geschützt © Stefanie Weigelmeier