Stefanie Weigelmeier
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von Stefanie Weigelmeier. –

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat den Fischotter (Lutra lutra) zum Tier des Jahres 2021 gekürt. Damit möchte sie darauf aufmerksam machen, wie gefährdet Fischotter und deren Lebensräume sind.
Obwohl ein ausgewachsener Fischotter hierzulande kaum natürliche Feinde hat, war die Tierart lange vom Aussterben bedroht. Die Tiere „bedienten“ sich an Fischteichen, wurden ergo als „Schädling“ abgestempelt und getötet. Zudem trägt dieser „Schädling“ ein einmalig besonderes Fell, das zu kostbaren Pelzen verarbeitet worden ist: auf einem Quadratzentimeter (!) befinden sich etwa 70.000 (!!) Haare, das schützt das Tier mit dem unvorstellbar hohen Metabolismus vor Auskühlen im kalten Wasser und war natürlich auch für die Pelzverarbeitung interessant.

Aber selbst wenn der Otter im derzeit gültigen Jagdrecht ganzjährig Schonzeit hat und Pelz gerade nicht en vogue ist, ist das Tier durch weitere Aspekte unserer überprägten Kulturlandschaft beeinträchtigt: Zerschneidung der Landschaft sowie Verschmutzung und Verbau der Gewässer.

 

Meisterschwimmer & Fischliebhaber

Fischotter unterqueren Brücken nicht gerne im Wasser, sie gehen dazu lieber am Ufer entlang, oder, wenn das nicht möglich ist, direkt über die Straße und sterben da nicht selten den Verkehrstod.

Der Lebensraum eines Otters sind saubere Gewässer mit reich strukturierten Uferrandzonen und intakter Wasserwelt.

hier gibt es ein schönes Video von Jan Haft zum Tier des Jahres 2021:

Der Fischotter frisst nicht nur Fische, sondern auch Frösche, Krebse, Süßwassermuscheln oder Wasserinsekten. Er jagt aber auch an Land: z.B. Vögel und deren Eier, Nagetiere oder Aas.
Er hat einen Metabolismus, der um etwa 40% höher ist als bei Tieren vergleichbarer Größe. Dementsprechend viel und nahrhaft muss er fressen. Würde er wählen können, würde er vermutlich fettes Aal-Fleisch bevorzugen. Aber auch Aal ist selten geworden, wie auch sämtliche naturnahen Gewässer eher leer sind. Etwa zwei Drittel des Tages schlafen Fischotter in Wohnbauten, die sie in die Uferböschung gegraben haben. Das übrige Drittel, meist nachts verbringen sie mit hektischer Nahrungssuche in weiten Streifgebieten (je weniger Futter, desto größer das Streifgebiet)

Vom Katzen-Video-Pendant zum Raubtier

Fischotter schwimmen lustig auf dem Rücken, halten dabei manchmal auch Händchen, Otter-Mamis schwimmen mit ihren schlafenden Jungen auf dem Bauch friedlich umher, manche Otter haben einen Lieblingsstein mit dem sie spielen und den sie in einer Fellfalte immer bei sich tragen. Hier ist also ganz viel Potential für süße Tiervideos.

Fischotter © Nick Ansell / dpa

Das innerartliche Verhalten in der Natur ist nur halb so idyllisch. Fischotter sind Einzelgänger und verteidigen ihre Reviere hart.

Und: der Fischotter fängt uns Menschen die Fische weg. Die letzten Jahrzehnte ohne Fischotter waren sehr gemütlich: der Fischbesatz der Teiche war kalkuliert, die Angler setzten sich die Fische selbst in die Flüsse, es wurde gut zugefüttert. Abgesehen vom Kormoran war nicht viel frevelhaftes zu beklagen.

Nun ist der Fischotter allerdings ein Nahrungsopportunist und frisst unselektiv alles an Fisch, seien dies eingesetzte Karpfen, „Raub“-Fische wie Zander oder Hecht oder „Fried“fische, die selbst auf der Roten Liste stehen, wie z.B. die Koppe. Der Fischotter lässt sich weder als gezielte, biologische Waffe gegen invasive amerikanische Krebsarten einsetzen, noch verschmäht er die heimischen Edel- oder Steinkrebse*, auch lange selten gewordene Wasserbewohner.

 

Exkurs Krebse:

*             Edelkrebs (Astacus astacus); kann 15-20 Jahre alt werden; die Art liebt sommerwarme, nahrungsreiche Bachunterläufe; der Bestand ist stark rückläufig; v.a. wegen Schadstoffbelastung und naturfernem Gewässerbau, aber auch wegen der „Krebspest“, die durch eingeschleppte amerikanische Krebsarten verbreitet wird; in Österreich war er „Fisch des Jahres 2019“ (ja, Fisch….); auf der aktuellen Roten Liste Deutschland ist er als „vom Aussterben bedroht“ gelistet; Schutzkategorie: FFH Anhang V, er darf also mit behördlicher Genehmigung gefangen und vermarktet werden

*             Steinkrebs (Austropotamobius torrentium); die Arte fühlt sich in sommerkalten Fließgewässern mit steinigem Substrat wohl; auch in der Uferregion höher gelegener und damit kühler Seen; das Wasser muss sauber, also frei von organischer Belastung und kommunalen Abwässern sein; besonders empfindlich reagiert der Krebs aber auch auf Insektizide u.a. chemische Verschmutzung (hier sei ein Denkanstoß zur Verwandtschaft gegeben:  Krebse häuten sich, wie auch Insekten!), aber auch Schwebstoffe, die durch intensive landwirtschaftliche Bearbeitung eingetragen werden; auch FFH Anhang V aber in Deutschland auch Bundesartenschutzverordnung: besonders geschützte Art

Die dritte auf deutschem Landesgebiet heimische Krebsart ist Austropotamobius pallipes, mit nur wenigen Fundpunkten in Baden-Württemberg.
Alle drei wurden einmal auch wirtschaftlich genutzt, sprich: gegessen.
Damit noch mehr Krebsfleisch verzehrt werden konnte, wurden amerikanische Krebsarten eingeführt, so dass es zusätzlich zu den drei vorgenannten, autochtonen Arten sechs weitere invasive gibt, die zudem eine Schlauchpilzerkrankung, die sogenannte „Krebspest“ verbreiten, selbst davon aber keinen Schaden nehmen.

Welche Rolle die Querbauwerke hier spielen, erzähle ich in einer anderen Folge, aber nur wenn jemand lieb fragt.

 

Zurück zum Fischotter….

Raubtier & Pelzträger

In Bayern wurde der Fischotter bereits als Problemtier enttarnt (Quelle: Bayern 2, Sendung vom 17. Januar 2021, 17:05-17:30). An die 50 Teichwirte in einem ostbayerischen Landkreis hätten nun aufgehört, „wegen dem Fischotter“. Wirklich wegen des Fischotters? Oder war der Wassermarder hier das Zünglein an der Waage, dem mensch es nun in die Schuhe schiebt?

Bon appetit! © Rolfes / DJV

Otterberater sollen dabei helfen, zwischen der Teichwirtschaft und dem Otter zu vermitteln. Mit gesichertem Nachweis bekommen Teichwirte eine finanzielle Entschädigung. So werden Elektrozäune um Teiche gezogen, Wildkameras aufgestellt und Losungen gesucht.

Nicht nur die Teichwirte fühlen sich durch die Fischotter bedroht, sondern auch die Angler. Die Angler beschuldigen ihrerseits die Teichwirte, die Otter zudem durch die gut gefüllten Teiche anzulocken. Die Otter wiederum wandern im Winter, wenn die Teiche abgelassen sind, frecherweise in die Fließgewässer und jagen dort.

Im Gegensatz zum Fließgewässer sind die Fische eines Teiches Privateigentum. Fische in einem Fluss sind jedoch öffentliches Gut, dass sich jeder Mensch mit einer passenden Angellizenz aneignen darf. Genauso aber auch ein Otter, der nach seinem Naturell verfährt, Fische zu jagen, sie zu fressen, vielleicht aber auch mal einen angebissenen Fisch (oder fünf) liegenzulassen (gefressen wird meist oft nur die fette Fischleber, siehe Metabolismus weiter oben). Auch hier sei zu bemerken, dass der Fischotter nicht zwischen trägem, eingesetzten Fisch und seltener, autochtoner Art unterscheidet, wie die vorgenannte Koppe.

Was ist nun also schützenswerter – das Raubtier oder der Friedfisch?

Angler und Teichwirte forderten bereits den Abschuss, und eine geeignete Partei hat sich dessen angenommen.

Wer hat sich bis hier schon mindestens zweimal an die Wolfs-Debatten erinnert gefühlt?

Wildnis – Umwelt – Mitwelt ?

Wo ist in unserer gut durchstrukturierten, auf Ökonomie ausgelegten Kulturlandschaft noch Platz für Wildnis oder gar Wildheit?

Könnten wir es besser akzeptieren, wenn das Tier „ordentlich“ fressen würde, sprich, keine angefressenen Fische rumliegen lassen würde? Nur das nimmt, was er „braucht“?

Das sind sicherlich keine Fragen, die dem sachlichen Diskurs dienlich sind oder behördliche EntscheidungsträgerInnen tangieren sollten, wenn es darum ginge das Jagdrecht abzuändern.

Was „brauchen“ wir auf der anderen Seite, um andere Lebewesen, von denen wir keinen ökonomischen Nutzen ziehen können in unserer Um-Welt zu tolerieren? In unserer Mit-Welt zu akzeptieren?
Welche Art von Regulierung kann oder muss hier gefunden werden?

 

gähnender Fischotter © fotolia

 

Nachtrag am 05.02.2021 – gerade habe ich im Radio ein sympathisches Interview mit Jakob Schwerdtfeger gehört und youtube kennt passend zum Thema, also zum Otter, ein passendes Video…

(ab Minute 3:40 kommen die biologischen Details)

 

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